Sowjetischen Graffitis im Reichstagsgebäude Berlin
Bild: Mario Duhanic / CC BY-SA

Wenn ihr eine Städtereise nach Berlin unternehmt, gehört eine Besichtigung des Reichstages natürlich dazu. Während einer Führung durch die Plenarsaalebene werdet ihr an der Westwand eine ungewöhnliche Graffiti-Galerie sehen, die aus einer Vielzahl von kyrillischen Inschriften besteht. Hierbei handelt es sich um ein historisches Zeugnis der besonderen Art.

In den letzten Kriegstagen Anfang Mai 1945 war der Reichstag, der von der sowjetischen Armee logischerweise als „Höhle des Löwen“ angesehen wurde, ganz besonders umkämpft. Nachdem der Rotarmist Michail Minin am 30.04.1945 die sowjetische Flagge auf dem Dach des Gebäudes gehisst hatte, strömten in den darauffolgenden Tagen unzählige Soldaten zum Reichstag, um sich auf den Wänden mit ihren Unterschriften zu verewigen und so symbolisch Besitz davon zu nehmen. Ihren Freudentaumel und Triumph darüber, dass sie überlebt und Nazi-Deutschland besiegt hatten, drückten einige auch zusätzlich durch Sprüche und Weisheiten aus.

Die Inschriften sind inzwischen historische Zeugnisse und gehören für Besuchergruppen zum Standardprogramm. Das sie bis heute erhalten sind, ist allerdings nicht in erster Linie einer professionellen Konservierung zu verdanken, sondern der Tatsache, dass der Architekt Paul Baumgarten (1900 bis 1984), der den ersten Wiederaufbau des Reichstagsgebäudes in den 1960er Jahren leitete, die Wände mit Gipsfaserplatten und dünnen Paneelen versehen ließ. So wurden die Inschriften der Rotarmisten über Jahrzehnte hinweg geschützt. In den 1990er Jahren wurde das Haus dann nach Plänen des Briten Norman Fosters umgebaut und die in Holzkohle und Kreide geschriebenen Unterschriften, Daten und Ortsangaben kamen wieder zum Vorschein. Diesmal wurden die einzigartigen Erinnerungsstücke, auch gegen den Willen einiger Bundestagsabgeordneter, nicht getilgt, sondern als Zeichen der Geschichte von Experten restauriert und konserviert. Lediglich besonders ordinäre Flüche und deftige Sprüche entfernte man damals. Wie auf alten Fotos zu erkennen ist, waren ursprünglich auf den Innen- und Außenmauern noch wesentlich mehr Unterschriften, denn die Soldaten hatten sich an allen erreichbaren Stellen verewigt. Fosters ließ die Namen an der westlichen Wand auf der Ebene des Plenarsaals durch Putzflächen „rahmen“, so dass sie heute den Eindruck eines Gemäldes bieten. Auffällig ist das Wort „Schreibt!“, welches anscheinend zum Verewigen aufforderte. Auch Sprüche wie „Der Traum wurde wahr!“ oder „Was du säst, wirst du ernten“ können dort identifiziert werden.

Karin Felix, eine langjährige Führerin von Besuchergruppen durch den Reichstag, identifizierte zusammen mit russischen Muttersprachlern mehr als 700 Namen und versuchte deren Schicksal durch Recherche und Kontaktaufnahme zu klären. Es kommt nicht selten vor, dass unter den interessierten Touristen ehemalige Soldaten oder deren Angehörige auf der Suche nach ihrem Namen sind und diese Unterschriften tatsächlich finden. Die Löcher in der Wand rund um dieses geschichtliche Zeugnis sind allerdings keine Einschusslöcher, wie viele Leute glauben, sondern schlicht und einfach die Bohrlöcher der ehemaligen Plattenabdeckung.

Diese sehr menschlichen und emotionalen Hinterlassenschaften des zweiten Weltkrieges solltet ihr während eines Aufenthaltes im Reichstag nicht unbeachtet lassen.

Adresse

Reichstag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin

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