Platanenkubus Nagold
Bild: Nicolás Boullosa, Flickr, Creative Commons/a>

Eine Frage beschäftigt Stadtentwickler und Architekten seit langem: Was kann dagegen unternommen werden, dass unsere Städte zu immer erdrückenderen tristen Betonwüsten verkommen? Um der grauen Eintönigkeit etwas entgegenzusetzen wird nun immer öfter mit grünen Akzenten geplant. Ob städtische Wald- und Grünflächen, urbane Gartenprojekte auf Balkonen oder das Bepflanzen von grauen Fassaden – die Natur soll mehr Einzug in die Architektur der Moderne halten. Aber warum nicht gleich die gesamten Gebäudestrukturen durch Pflanzen ersetzen? Die innovative Idee, die Kraft von lebenden Pflanzen so zu nutzen, dass sie ganze Gebäude tragen können, wird bereits seit 2005 von einem Team aus Architekten in Stuttgart erforscht.

Im Sinne der sogenannten Baubotanik entwickelte der deutsche Architekt Dr. Ferdinand Ludwig in Zusammenarbeit mit dem Architekten und Städteplaner Daniel Schönle ein ganz besonderes Bauprojekt im baden-württembergischen Nagold. Anlässlich der Landesgartenschau 2012 entstand etwa 40km südwestlich von Stuttgart das bisher größte baubotanische Projekt – der Platanenkubus. Hierbei handelt es sich um ein dreistöckiges Gebäude samt Aussichtsplattform, in dessen Wände eintausend junge Bäume eingebaut wurden. Die Kunst bei der baubotanischen Architektur besteht darin, die Pflanzen so kontrolliert wachsen zu lassen, dass sie sich über die Zeit miteinander verbinden und eine tragfähige Konstruktion bilden. Die Bäume werden im Platanenkubus in Zukunft zu einem einzigen Organismus, also zu einem einzelnen Stamm zusammenwachsen. Vergleichbar ist diese Idee mit einem Fachwerkbau aus lebendigem Material.

Der Wachstumsprozess wird ungefähr zwanzig Jahre dauern. Diese Zeit brauchen die Pflanzen, um sich kontrolliert nach und nach in der passenden Form zu verbinden. Das Planungsteam um Ludwig und Schönle geht davon aus, dass die Konstruktion etwa 2030 eine derartige Stabilität erreicht haben müsse, dass die stützenden Stahlträger entfernt werden können. Dann würden die Bäume allein das gesamte Gebäude mit seinen verschiedenen begehbaren Ebenen und der Aussichtsplattform tragen können.

Ziel des Projektes ist neben der Erforschung verschiedener Methoden, wie Pflanzen kontrolliert miteinander verbunden werden können, das bisher einzigartige Erlebnis für Besucher, durch ein belebtes Haus spazieren zu können. Im Laufe der Jahre verändert sich durch das Wachstum der eintausend Pflanzen auch das Aussehen des Gebäudes. Anfangs blickten die ersten Gäste der Landesgartenschau auf eine einheitliche Fläche aus den grünen Blättern der jungen Bäume. Mit zunehmendem Verbinden und Verwachsen der Pflanzen wird sich die Struktur des baubotanischen Unikats nach oben verschieben, während unten die verflochtenen Stämme hervortreten. Eines Tages werdet ihr also in Nagold in dem ersten Gebäude spazieren können, das den Anschein erwecken kann, man bewege sich im Inneren einer großen Baumkrone. Bei diesem außergewöhnlichen Erlebnis werden auch die weiteren Vorteile der Baubotanik spürbar: Durch den Verdunstungseffekt und die Filterfunktion der Blätterwände herrscht eine angenehme Kühle, eine frische Luft und eine beruhigende Stille im Inneren des innovativen Bauwerks.

Adresse

Schillerstraße 6, 72202 Nagold

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here