Antichrist-Fenster
Bild: Jim Kelly / CC BY

Dies ist zweifellos ein außergewöhnlicher Schatz. Ein Meisterwerk aus Glas, Licht und Farbe. Die Rede ist von einem mittelalterlichen Fenster in der St. Marienkirche in Frankfurt an der Oder. Mehr als ein halbes Jahrhundert galten die ebenso eindrucksvollen wie rätselhaften Scheiben als verschollen: Das Antichrist-Fenster.

Manche Historiker vertraten sogar die Ansicht, sie seien im Laufe der Jahre zerstört worden. Doch dann fanden sich einige Experten, die intensiv nach den Schmuckstücken fahndeten und sie schließlich entdeckten – und zwar in den fast stets verschlossenen Depots der Eremitage in St. Petersburg. Interessant ist aber auch die Geschichte, warum sie nach Russland gelangten.

Die weite Reise der religiösen Kleinodien

Zur Geschichte der sogenannten Anti-Christ-Fenster in der Marienkirche von Frankfurt/Oder sollte man wissen, dass sie vermutlich Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden. Wer diese religiösen Kleinodien schuf, ist zwar nicht bekannt, doch es ist überliefert, dass einige Jahrhunderte später ein gewisser Karl Friedrich Schinkel den Auftrag erteilte, die gläsernen Schätze aus der Marienkirche zu restaurieren. Schinkel hatte viele Berufe.

Er war Baumeister, Architekt, Stadtplaner, Grafiker, Maler und Bühnenbildner. Seine Werke prägen heute das Bild der deutschen Hauptstadt Berlin. Einem weiteren Zeitsprung ist es danken, dass die bunten Fenster des Gotteshauses die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überstanden. Sie wurden ausgebaut und nach Ende des Bombenhagels in fünf Transportkisten per Zug nach St. Petersburg gebracht.

Eine lange Zeit in dunklen Depots

Das spätgotische Antichristfenster schlummerte also viele Jahre in dunklen Depots, doch als sich der Frankfurter Oberbürgermeister schließlich für die Rückkehr der bunten Botschaften stark machte, trennten sich die Russen von ihrer einstigen Kriegsbeute. Und zwar, nachdem sie die Fenster in der Winterpalais-Kirche der Eremitage noch einmal der russischen Bevölkerung gezeigt hatten.

Am 11. Februar 2009 wurden die Stücke in einem Festakt der Stadt Frankfurt übergeben. Insgesamt konnten inzwischen 111 Einzelfenster rekonstruiert werden, und auch das sogenannten „Antichrist-Fenster“ wurde wieder fertig.

Wer den Thesen folgte, fand den Teufel

Antichrist-Fenster
Geburt und Beschneidung des Antichristen… Bild: Wolfgang Guelcker / CC BY

Heute kann man in der Marienkirche wieder dem Teufel Auge in Auge gegenüber stehen. Dies ist die Lebensgeschichte des sogenannten Antichristen – und zwar von der Stunde seiner Geburt bis zum abschließenden Weltenbrand. Dargestellt wird die ungewöhnliche Lebensgeschichte des Adso von Montier-en-Der. Dabei handelte es sich um einen Mönch, der im zehnten Jahrhundert lebte und angeblich in Babylon das Licht der Welt erblickte.

Später soll er dann in die heilige Stadt Jerusalem gezogen sein, um die Juden zu bekehren. Die auf den 34 Fensterteilen erzählte Geschichte lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Mönch mit seinen Versuchen der Bekehrung scheiterte. Denn wer seinen Thesen folgte, fand allein den Teufel.

Juden und Christen unter dem Kreuz

Diese Überlieferung war über viele Jahrhunderte prägend für das Christentum. Und noch etwas beschreiben die Fenster recht bildhaft: In jenem 14. Jahrhundert wurden die Juden nicht stigmatisiert sondern fanden gemeinsam mit den Christen unter dem Kreuz zum Gebet. Lediglich drei der insgesamt 19 dargestellten Juden auf dem Kirchenfenster in Frankfurt an der Oder tragen das „T“ des Antichristen. So mancher Betrachter dieses Schatzes in der Marienkirche ist fasziniert von der Schärfe der Details dieses gläsernen Wunders.

Adresse: Wo kann die Antichrist-Fenster sehen?

Die Fenster sind Teil der Marienkirche in Frankfurt an der Oder. Die Kirche befindet sich am Oberkirchplatz 1 in 15230 Frankfurt (Oder).

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