Beelitz-Heilstätten
Bild: Michael Herzog, Flickr, Creative Commons

Schwindsucht – im Duden hat hat man dieses Wort ein wenig versteckt platziert. Dabei war diese Krankheit Fluch und Menetekel über vieler Jahrhunderte, und schon der griechische Art Hippokrates widmete sich im Altertum der sogenannten „weißen Pest“. Heute spricht man von der Tuberkulose, doch wer damals in einer der zahlreichen Heilstätten untergebracht war, der litt vor allem an einem gravierenden Verlust an seinem Körpergewicht. Was der Schwindsucht ihren Namen gab. Besagte Heilstätten wurden von den gesunden Menschen gemieden wie einst die „Aussätzigen“ der Pest, und wer dort fast immer über einen langen Zeitraum seine Krankheit bekämpfte, galt als ansteckend und als Außenseiter der Gesellschaft. In Beelitz, vor den Toren von Potsdam, gab es eine solche Lungenheilanstalt. Heute präsentiert sie sich im bedauernswerten Zustand einer Ruine – und sie lässt bei jenen Zeitgenossen, die an Geistern glauben, die Phantasie galoppieren. Beelitz ging als „Gruselklinik“ in die Geschichte der verlassenen Krankenhäuser Deutschlands ein.

Baumkronenpfad und Gruseltourismus

Seit September des Jahres 2015 führt ein 320 Meter langer eindrucksvoller Baumkronenpfad über das Gelände der ehemaligen Heilanstalt. In einem Bereich passiert das hölzerne Podest sogar das Dach des verlassenen Gebäudes. Diese Anlage ist so etwas wie ein optischer Widerspruch zur leidvollen Geschichte dieser einstigen Institution. In absehbarer Zeit soll das Haus abgerissen werden und einer Wohnsiedlung samt Kindertagesstätte, Supermarkt, einem Heim für Senioren und einer Schule Platz machen. Doch bis dahin werden noch einige Jahre ins Land gehen, und so lange wird Beelitz wohl noch das Synonym für eine Art Grusel-Tourismus bleiben. Und als ein Ort, wo Horrorgeschichten lebendig werden und sogar ernst zu nehmende Besucher behaupten, hier sei der Spuk noch immer zu Hause.

Zwar ist das Betreten des Geländes zu nächtlicher Stunde strikt untersagt, doch wer die Gänsehaut liebt, der scheut offenbar nicht davor zurück, zur „Geisterstunde“ durch die verlassenen und stillen Hallen der einstigen Klinik zu bummeln. Zwar ist der Verfall des historischen Gebäudes nicht zu übersehen, aber genau das scheint die Besucher keinesfalls abzuschrecken. Von der früheren Heilstätte am grünen Gürtel von Potsdam spricht man in der Nachbarschaft ganz offen von einem „Geisterhaus“ und auch von einem bevorzugten Treffpunkt von Sympathisanten okkulter Praktiken. Die Klinik in Beelitz zieht Menschen, die die Existenz übersinnlicher Wesen keineswegs leugnen, geradezu magisch an. Satanische Messen sollen hier in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden haben. Dies alles hat dazu geführt, dass sich das ehemalige Krankenhaus nach und nach einen Ruf als Stätte zum Gruseln erwarb und als ein Ort, um Botschaften aus dem Jenseits zu empfangen. Niemand konnte dies bisher wissenschaftlich belegen, doch darum scheren sich die Geisterjäger von Beelitz offenbar nicht.

Tuberkulose-Krankenhaus mit prominenten Gästen

Einst galt dies als größtes und wohl auch bedeutendstes Tuberkulose-Krankenhaus der Welt, und wer heute – ganz legal in Begleitung einer geschulten Führerin – die Flure und Säle bei einem Rundgang betritt, der erhält einen Eindruck davon, wie es hier an der Wende zum vorletzten Jahrhundert ausgesehen haben mag. Beelitz wurde als Vorzeigeobjekt dieser Zeit konzipiert. Mit rund 1.200 Betten, einem geräumigen Badehaus und Wandelhallen. Doch unter den zahlreichen Patienten gab es dennoch Tausende, die der schrecklichen Krankheit zum Opfer fielen. Diese Tatsache wird dazu beigetragen haben, dass sich die ehemalige Heilstätte vor allem nach der Wende in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihr Grusel-Image zulegte. Es soll Besucher geben, die davon berichteten, dass sie nächtens Schritte vernahmen, die sie nicht deuten konnten und dass sich auf wundersame Weise Türen bewegten.

Wer in dieser Zeit von einem „heiligen“ Schauer heimgesucht wird, wenn er sich Zutritt zu dieser Bauruine verschafft, wird womöglich die Geschichte des Geländes nicht kennen. Und wohl auch nicht die Geschichte der prominenten Patienten. Es ist überliefert, dass im Ersten Weltkrieg das Haus zu einem gigantischen Lazarett umfunktioniert wurde und dass der verletzte Adolf Hitler hier einige Zeit verbrachte. Später soll dort der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker behandelt worden und von seinem Leberkrebs kuriert worden sein. Doch von den meisten Schicksale jener Menschen, die hofften, sich in Beelitz von der grassierenden Schwindsucht zu befreien, ist so gut wie nichts an Berichten erhalten geblieben. Es gab kein Allheilmittel in Form von Tabletten gegen die Krankheit. Darum wurden den Patienten vornehmlich Liegekuren verordnet und viel frische Luft. Die wurde ihnen unter anderem durch ein Rohrsystem aus einem benachbarten Wald zugefächert.

Dort, wo einst die an Tuberkulose Erkrankten in großen Sälen einem ungewissen Schicksal entgegen blickten, sind heute die Scheiben der Fenster zerborsten, und von den Decken rieselt der Kalk. Wer sich auf den Treppen bewegt, läuft Gefahr, abzustürzen, denn einige Geländer wurden abgesägt. An den Wänden haben sich Graffiti-Sprayer verewigt, und hier und da tropft der Regen durch die zerborstenen Dächer. Vom früheren englischen Landhaus-Stil mit Giebeln aus Fachwerk und geschnitzten farbigen Erkern ist so gut wie nichts geblieben. Auch deshalb nicht, weil Plünderer im Laufe der Jahre alles entwendeten, was sich noch zu Geld machen ließ. Bis 1994 wurde das Areal einige Zeit vom russischen Militär als Krankenhaus benutzt. Danach entbrannte dann ein Streit darüber, ob das Gelände und damit auch die mehr und mehr zu einer Ruine verkommene Anlage zum Bereich der Gemeinde Beelitz gehört. Schließlich überließen die Behörden das Haus nächtlichen Plünderern und okkultistischen Gästen.

Nächtliche Führungen mit Taschenlampe

Keine Frage: Auf nächtliche Besucher muss diese Szenerie des verlassenen Krankenhauses von Beelitz gespenstisch wirken. Wohl auch auf jene Gäste, die sich einer Führung durch die einstige Chirurgie der Klinik anschließen. Denn diese finden grundsätzlich nach Einbruch der Dunkelheit statt, um beim Rundgang im Schein der Taschenlampen ein außergewöhnliches Flair zu erzielen. Eineinhalb Stunden lang wird dabei den Besuchern die Funktion der früheren Heilstätte nahe gebracht. Eine besondere Anziehungskraft findet dabei im nur spärlich beleuchteten Gebäude der historische gusseiserne Fahrstuhl, der sich noch in einem der Schächte befindet. Inzwischen wird der Kreis derer, die sich aus geschichtlichen Gründen für den unter Denkmalschutz stehenden Bau interessieren, um sogenannte „Sensations-Touristen“ erweitert.

Gespenster und Grusel im Geisterhaus von Beelitz

Denn es hat sich längst herum gesprochen, dass die Heilstätten von Beelitz den Ruf eines „Geisterhauses“ erlangten. Dazu haben zweifellos auch ein paar tragische Ereignisse beigetragen. Im Jahr 1991 tötete der ehemalige Polizist Wolfgang Schmidt in der Nachbarschaft der Klinik in einem Waldstück die Frau eines russischen Chefarztes und ein Kleinkind. Er startete eine Mordserie, erwürgte eine Fotomodell und ging als „Rosa Riese“ und als „Bestie von Beelitz“ in die deutsche Kriminalgeschichte ein. Der Serienmörder beflügelte aber auch die Phantasien jener Besucher von Beelitz, die sich in dieser Ruine den Zugang zu einer jenseitigen Welt erhoffen und in der früheren Heilstätte dem Spiritismus frönen. Der Horrorfilm „Heilstätten“ erlangte bei vielen nächtlichen Besuchern von Beelitz eine Art Kultstatus. Auch wenn der Originalschauplatz bei diesem Streifen keine Rolle spielte und die Szenen am Grabowsee bei Oranienburg gedreht wurden. Beelitz blieb für so manchen der Ort, wo das Grauen beheimatet ist. Spätestens, seitdem dort im Mai 2010 ein Mann im Gebäude aus dem vierten Stock in den Tod stürzte.

Vom „Dark-Tourismus“ möchten sich allerdings die Betreiber des Baumkronenpfades nach und nach befreien. Dem Grusel-Image möchte man den Garaus machen und die dunklen Schatten der Vergangenheit abstreifen.

Adresse

Beelitz-Heilstätten, 14547 Beelitz

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