Sankt Burchardi Kirche Orgel John Cage Organ2 ASLSP
Bild: Mazbln / CC BY-SA


Ein besonderer, außergewöhnlicher Ort in Deutschland ist die Kirche Sankt Burchardi im sächsisch-anhaltinischen Halberstadt. Sie ist die Kirche eines etwa um 1050 errichteten Klosters, das in seiner langen, wechselhaften Geschichte mehrfach zerstört und wiederaufgebaut und im Jahr 1810 schließlich geschlossen wurde. Die Kirche diente seitdem als Schuppen, Scheune, Brennerei und Schweinestall, bevor sie schließlich aufgegeben wurde und zu verfallen begann. Ein neues Leben erhielt sie, repariert und wieder benutzbar gemacht, als Spielort des wahrscheinlich außergewöhnlichsten, sicher aber des längsten Konzerts aller Zeiten.

„Organ2/ASLSP“ ist der Titel einer Komposition des Avantgarde-Komponisten John Cage. Bereits 1985 entstand das Stück in einer Version für Klavier, 1987 hat Cage es für Orgel umgeschrieben. Die Uraufführung des Stückes im Jahr 1989 dauerte 29 Minuten. Aufnahmen dieser Version des Stückes sind auf CD erhältlich.

„ASLSP“ bedeutet „As Slow As Possible“, „so langsam wie möglich“. 1997, Cage war bereits seit fünf Jahren tot, kam es bei einem Orgel-Workshop zu einer Diskussion darüber, was diese Anweisung eigentlich genau bedeutet. Im Grunde stellt sich diese Frage bei klassischer Musik ja immer, weil die dort üblichen Tempoangaben stets ungenau sind, aber was heißt „so langsam wie möglich“?

Man kam schliesslich zu dem Ergebnis, dass es im Prinzip möglich wäre, das Stück praktisch unendlich lang aufzuführen. Eine Einschränkung ergäbe sich lediglich aus der Dauer des kulturellen Überlebens der Menschheit. Schnell entstand die Idee, das Stück tatsächlich SEHR langsam öffentlich aufzuführen.

Die Wahl des Spielortes war recht schnell getroffen. Da alle Teilnehmer des Orgel-Workshops bestens mit ihrem Thema vertraut waren, wussten sie, dass im Dom des sächsisch-anhaltinischen Halberstadt einst die erste moderne Orgel der Welt in Betrieb genommen worden war. Halberstadt war gewissermaßen die Wiege der modernen Musik, also musste das Konzert in Halberstadt stattfinden. Die Halberstädter Orgel wurde im Jahr 1361 in Betrieb genommen. Das würde im Jahr 2000, dem geplanten Beginn des Konzerts, 639 Jahre her sein, somit war auch die Dauer des Konzerts klar.

Ein Orgelkonzert mit 639 Jahren Spieldauer in Halberstadt. Die Töne des eigentlich 29-minütigen Konzerts wurden auf insgesamt 639 Jahre hochgerechnet. Das Problem war nun, dass der Dom für regelmäßige Gottesdienste gebraucht wurde, er fiel als Veranstaltungsort also aus. Das war an sich nicht tragisch, da die alte Orgel ohnehin nicht mehr existierte. Allerdings musste ein alternativer Spielort gefunden werden. Daher fiel die Wahl auf die ungenutzte Kirche des ehemaligen Klosters.

Da die Kirche erst noch hergerichtet werden musste, kam es zu einer Verzögerung, wodurch die Aufführung des Konzerts erst ein Jahr später als geplant beginnen konnte. Am 5. September 2001 begann das Konzert endlich, aber zu hören war zunächst nichts. Denn das Werk beginnt mit einer Pause von eineinhalb Jahren Dauer, so dass der erste Ton erst am 5. Februar 2003 erklang.

Seitdem gab es bisher insgesamt 12 Tonwechsel. Bei jedem dieser Tonwechsel wird die Orgel um die weiteren benötigten Pfeifen erweitert, das Instrument wächst also während des Konzerts langsam mit und wird im Jahr 2640, zum Ende der Aufführung, seine volle Größe erreicht haben.

Diese Wechsel, der letzte war am 5. Oktober 2013, erfreuen sich recht großer Beliebtheit bei einem Publikum, das das Außergewöhnliche schätzt. Der nächste Tonwechsel wird am 5. September 2020 erfolgen, sollte Euch ein so seltenes kulturelles Ereignis interessieren, solltet Ihr Euch als Besucher anmelden. Der Kartenvorverkauf hat begonnen, und Plätze sind knapp in der Kirche!

Adresse

Am Kloster 1, 38820 Halberstadt

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